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Stellungnahme des FSR Gender Studies zu dem Artikel „Gender mich nicht voll“

Die Stellungnahme bezieht sich auf den Kommentar „Gender mich nicht voll“ in der :bsz Ausgabe 1100 – Sonderausgabe zum Semesterstart WiSe 2016/2017

Auch erschienen auf www.bszonline.de

In der Sonderausgabe der :bsz zum Semesterstart WiSe 16/17 wird unter dem Überbegriff „Genderwut“ die Relevanz einer gendergerechten Sprache diskutiert. Grundsätzlich begrüßt der FSR Gender Studies die Idee, Studierende im ersten Semester für dieses Thema zu sensibilisieren und auf die kontroverse gesamtgesellschaftliche Debatte aufmerksam zu machen. Ein freier Meinungsaustausch ist essentiell für eine kontroverse und öffentliche Diskussionskultur im gesellschaftlichen und universitären Leben. Der respektvolle Umgang miteinander ist hierbei das Fundament. Wir als FSR Gender Studies verstehen die Verbreitung von menschenverachtenden Weltbildern unter dem Vorwand der freien Meinungsäußerung nicht als einen Teil dieser Diskussionskultur. Hate Speech und anderes reaktionäres Gedankengut führen zu einem Ausschluss von Personengruppen und fördern Feindseligkeiten…

Die Diskussion über gendergerechte Sprache wird schon seit den 1970er Jahren in öffentlichen Bereichen ausgetragen. Das Hauptargument gegen gendergerechte Sprache – und damit auch das einzige im Artikel erkennbare Argument – ist die Annahme, sie würde das Textverständnis erschweren und zu seltsam anmutenden Textkonstruktionen führen. Diese Befürchtung entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage: Ganz im Gegenteil wird in verschiedenen Studien darauf hingewiesen, dass gendergerechte Sprache keine Auswirkungen auf das Textverständnis hat.[i] Stattdessen wird etwa durch geschlechtergerechte Stellenausschreibungen die Berufsorientierung dahingehend beeinflusst, dass vormals männlich dominierte Berufsfelder geöffnet werden, um nur ein Beispiel zu nennen[ii]

Im Gegensatz zu dem Artikel „Von Frauen, Männern, Sternchen und Phallussymbolen“ in derselben Ausgabe, der sich differenziert mit der Thematik der gendergerechten Sprache auseinandersetzt, verweigert sich der Kommentar jedoch einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema. Somit steht der Einführung in dieses Thema einzig ein negativer Beitrag gegenüber. Von Meinungsvielfalt kann hier also nicht die Rede sein.

Obwohl es der Autor für sich beansprucht alle Personen im generischen Maskulinum mitzudenken, hindert es ihn jedoch nicht daran, abfällig mit dem Finger auf Personengruppen – die sein Weltbild  scheinbar nicht umfasst – zu weisen. So äußert er bereits in seiner Einleitung die Kritik, die Sprache solle nur deshalb so „künstlich verformt werden, um auch die besondersten [sic!] Studis zu erreichen“. Mit dieser Aussage gibt der Autor eine Weltanschauung wieder, die jegliche Abweichungen von der sogenannten Norm als „Mode“ oder „Lifestyle“ herabsetzt. So verdeutlicht er noch einmal am Ende seines Beitrags, dass er die gendergerechte Sprache im Kontext einer Gesellschaft sieht, die „Selbstverstümmelung“ zu Profilierungszwecken und zum Ausdruck „moralischer Überlegenheit“ gutheißt. Im Rahmen dieser Sichtweise ist es auch nicht verwunderlich, dass er in seiner Argumentation Geschlecht und sexuelle Orientierung gleichsetzt – er schert alles über einen Kamm. Dies verdeutlicht aus unserer Sicht seine Schwierigkeiten, aus den eigenen gedanklichen Strukturen herauszutreten. Wer sich vor dem Verfassen eines Beitrages noch nicht einmal mit den Grundlagen eines Themas auseinandersetzt, erfüllt die journalistischen Mindestanforderungen nicht.

Zwar ist der freie Meinungsaustausch ein hohes Gut für eine kontroverse und öffentliche Diskussionskultur, allerdings stellen wir uns dagegen, dass unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit eine menschenfeindliche Diskursverschiebung betrieben wird, die vor allem im aktuellen politischen Klima rechten Stimmen dazu verhelfen soll, sich selbst als Opfer von „Gutmenschentum“ zu inszenieren. Als Konsequenz kritisieren wir in aller Deutlichkeit das im Kommentar vertretene Weltbild und lehnen die Verbreitung von Hate Speech kategorisch ab. Im Besonderen ist es der Sprachgebrauch des Autors, den wir hiermit entschieden als unangemessen und feindselig zurückweisen. In seinem Text bedient er sich zum einen an Vokabular, das vorwiegend im Sprachgebrauch von Wertkonservativen und Neuen Rechten benutzt wird. Der Titel „Gender mich nicht voll“ und das Wort „Genderwahnsinn“ beziehen sich beispielsweise auf die Kampagne „Gender-mich-nicht.de“ der Jungen Freiheit. Zudem stilisiert er die Gesellschaft zum Opfer der „political correctness“. Zum anderen greift der Autor mit seiner Zwischenüberschrift „ ‚I identify as an attack helicopter‘ “[iii]  ein transfeindliches Meme auf, ohne dieses zu kontextualisieren. Hier wird eine Nähe zu der maskulinistisch geprägten Gemeinschaft im Internet hergestellt.

Bei der Ausarbeitung von Texten geht es immer darum, einen respektvollen Ton zu treffen und zu reflektieren, dass Sprache nicht neutral ist. Es ist bedauerlich, dass Eugen Libkin, der Autor des Kommentars, in seiner Funktion als Redaktionsmitglied der :bsz nicht die nötige Sensibilität für das Thema mitbringt. Außerdem nutzt er diesen Artikel nur vordergründig, um sich mit gendergerechter Sprache auseinanderzusetzen. Vielmehr instrumentalisiert er diese Plattform um wissenschaftliche Gegenstände zu diskreditieren, alternativen Lebensentwürfen ihre Legitimation abzusprechen und ein wertkonservatives Weltbild zu propagieren.

Auch wenn wir anerkennen, dass der AStA der RUB als Herausgeber um eine Meinungsvielfalt in seiner Publikation bemüht ist, unterstützen wir nicht, dass dieser Vertrauensvorschuss dazu missbraucht wird, menschenfeindlichen „Meinungs“-Äußerungen eine Bühne zu bieten. Die Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung, die offensichtlich als Bindeglied zwischen Universität und der Stadt Bochum fungieren soll, wirkt von der Universität in gesellschaftliche Räume hinein und sollte sich deshalb ihrer politischen Verantwortung und ihrer Außenwirkung bewusst werden. Als FSR Gender Studies stehen wir für eine gesellschaftliche Verantwortung für unsere Mitmenschen ein.

 

[i] Braun, Friederike; Oelkers, Susanne; Rogalski, Karin; Bosak, Janine; Sczesny, Sabine (2007). „Aus Gründen der Verständlichkeit…“: Der Einfluss generisch maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten. Psychologische Rundschau, 58, 183-189. Diese Studie und weitere gesehen auf: http://www.psystudents.org/warum-gendern/ [Aufgerufen am 28.10.16]

[ii] Vervecken, D., Hannover, B., & Wolter, I. (2013). Changing (S) expectations: How gender fair job descriptions impact children’s perceptions and interest regarding traditionally male occupations. Journal of Vocational Behavior, 82, 208-220. Gesehen auf: http://www.psystudents.org/warum-gendern/

[iii]I Sexually Identify as an Attack Helicopter is a copypasta about a male who dreams of becoming a helicopter. It parodies absurd gender and sexual identification posts often found on forums and blogging sites, most notably Tumblr; exploring the topic by including references to social justice terms like check your privilege. Quelle: http://knowyourmeme.com/memes/i-sexually-identify-as-an-attack-helicopter [Aufgerufen am 28.10.16]

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Published inAllgemeinCampus ThemenStellungnahme

2 Comments

  1. Rub-Studi Rub-Studi

    Bin auch enttäuscht von dem Kommentar, hätte an der Stelle gerne eine ernstzunehmendere Kontra-Argumentation gelesen. Hat da jemand einen Link?

  2. Peter Peter

    In einem Artikel, der sich auch mit sprachlichen Besonderheiten auseinandersetzt, wäre es wnschenswert, wenn der Autorenschaft der Unterschied zwischen „scheinbar“ und „anscheinend“ bewusst ist.

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