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Nachdenken über Sprache #2: Gendergerechte Sprache for beginners

Von Silvana

Es gilt als das Thema, das am häufigsten mit der Geschlechterforschung assoziiert wird: Gendergerechte Sprache. Zu Unrecht wird immer wieder behauptet, Forschende im Fachbereich Gender Studies würden sich ununterbrochen mit dem Thema Sprache aufhalten und die wesentlichen sozialen Probleme so aus dem Auge verlieren. Auch wenn das nicht der Fall ist; sprachlicher Ausdruck ist keine Lappalie. Sprache konstituiert Wirklichkeit und beeinflusst unsere Denk- und Wahrnehmungsmuster.

Um diesen Aspekt einmal zu verdeutlichen, eignet sich dieses kleine Rätsel das auf der Website der Uni Göttingen angeführt wird:

Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Junge wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der eine bekannte Kapazität für Kopfverletzungen ist.
Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: „Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!“.

Frage: In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen der Chirurg und das Kind?“[i]

Gendergerechte Sprache ist wichtig, um nicht nur spezifische Gruppen anzusprechen bzw. für sie zu sprechen. Beliebte Gegenargumente wie jenes der drohenden Verkomplizierung der Sprache oder die Befürchtung, Inhalte gingen durch eine gendergerechte Sprache verloren, erweisen sich bei genauerem Nachdenken als haltlos:

  1. Sprache ist eine Gewohnheitssache. Wir haben uns an die neue Rechtschreibung gewöhnt und drücken uns in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen auch unterschiedlich aus.[ii] Selbst wenn gendergerechte Sprache vielleicht zunächst etwas sperrig oder umständlich erscheint – wird die Verwendung einmal zur Routine, fällt sie weder beim Zuhören noch beim Anwenden mehr als kompliziert auf. Und noch etwas: Sprache war schon immer ein Konstrukt und damit nichts Starres. Sprachregeln werden von Menschen aus bestimmten Gründen festgelegt und können genauso gut auch aus bestimmten Gründen wieder geändert und neugeschrieben werden. Ein meiner Meinung nach guter Grund: Sprache soll keine Ausschlüsse produzieren.
  2. Es gibt Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass gendergerechte Sprache (unterschiedlicher Spielarten) keinen negativen Einfluss auf das Textverständnis haben; Inhalte gehen nicht verloren, sondern die Sprache öffnet sich für weitere Bedeutungen .[iii]

Noch etwas Anderes beschäftigt mich diesbezüglich: Was sagt es überhaupt über uns aus, dass wir es in Erwägung ziehen, aus Gründen der „besseren Verständlichkeit“ ganze Gruppen nicht in unser Schreiben und Sprechen mit einzubeziehen?[iv] Anzumerken, mit dem generischem Maskulinum Frauen, trans Menschen oder inter* Menschen „mitzumeinen“, wirkt scheinheilig. Ein Sprechen, das möglichst viele Menschen(gruppen) mit einbezieht sollte eine höhere Priorität haben als die Bequemlichkeit hinsichtlich der drohenden Gefahr, ein „innen“ oder „*“zusätzlich tippen zu müssen.
Es gibt also eigentlich keinen plausiblen Grund, sich nicht gendergerecht auszudrücken. Wie mache ich das aber jetzt am besten? Im Folgenden sind die geläufigsten Schreibweisen aufgeführt, die Gendergerechtigkeit (mal mehr, mal weniger) berücksichtigen:

Neutralisieren von Begriffen

Es ist nicht immer nötig, bestimmte Begriffe durch aktive Sichtbarmachung gendergerecht zu machen. Es gibt im Deutschen auch viele Worte, die man[v] ohne Weiteres für alle anwenden kann. Zum Beispiel so:

  • Die Studenten -> die Studierenden
  • Die Lehrer -> die Lehrenden
  • Die Arbeitnehmer -> die Angestellten
  • Die Gruppenleiter -> die Gruppenleitenden/ die Gruppenleitung
  • Die Interessenten -> die Interessierten
  • Die Flüchtlinge -> die Geflüchteten[vi]

Binäre Bezugnahme durch Doppelnennungen oder die Zuhilfenahme von Klammern„()“ oder Schrägstrich (/)

Wer sich für das Verweilen in einem binären System entscheidet, kann beispielsweise durch konsequente Doppelnennungen oder die Verwendung von Hilfsmitteln wie Klammern oder Schrägstrich zumindest dafür sorgen, dass neben der männlichen Kategorie auch die weibliche Kategorie mitgedacht wird:

  • Studentinnen und Studenten, Lehrerinnen und Lehrer, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter, Interessenten und Interessentinnen
  • Student(innen), Lehrer(innen), Arbeitnehmer(innen), Gruppenleiter(innen), Interessent(innen)
  • Student/innen, Lehrer/innen, Arbeitnehmer/innen, Gruppenleiter/innen, Interessent/innen

Binnen-I

Das Binnen-I verfolgt eine ähnliche Strategie, kommt aber ohne zusätzliche Zeichen aus. Der Bezug auf zwei Geschlechter wird hier durch das im Wort als Großbuchstabe auftauchende „I“ hergestellt:

  • StudentInnen, LehrerInnen, ArbeitnehmerInnen, GruppenleiterInnen, InteressentInnen

 

Neben den genannten Optionen (die sich meist in einem zweigeschlechtlichen System verorten) gibt es aber noch zwei andere Ansätze[vii], die auch Identitäten einschließen möchten, die sich eben nicht in diesem sehr beengenden System wiederfinden.

Gender Gap_

Das Gender Gap wird in ein Wort eingefügt, um männliche, weibliche und andere Identitäten mitzusprechen oder mitzuschreiben:

  • Student_innen, Lehrer_innen, Arbeitnehmer_innen, Gruppenleiter_innen, Interessent_innen

Im Gesprochenen erfolgt statt des Gaps eine kurze Sprechpause, um zu verdeutlichen, dass hier nicht einfach die weibliche Pluralform gewählt wurde.

Gender Sternchen*

Das Gender Sternchen funktioniert ähnlich:

  • Student*innen, Lehrer*innen, Arbeitnehmer*innen, Gruppenleiter*innen, Interessent*innen

Was ich sonst noch loswerden möchte

  • Eine Gruppe, die ausschließlich aus Männern oder Frauen besteht kann durchaus auch so benannt werden: z.B. die Polizisten, die Polizistinnen
  • Genauso sollte es klar sein, dass bei Personen, deren Pronomen bekannt ist nur diese Formulierung gewählt werden muss:
    • Anna (spricht von sich als Frau, Personalpronomen „sie“): „Anna möchte gerne Lektorin werden, ihr Traumstudium ist Germanistik, sie liebt Bücher“
    • Peter (trans Mann, Personalpronomen „er“): Peter möchte gerne Lektor werden, sein Traumstudium ist Germanistik, er liebt Bücher“[viii]
  • Wenn gegendert wird, dann auch überall: Wenn ich von Beamt*innen, Sekretär*innen, Bauarbeiter*innen und Ärzt*innen spreche, muss ich auch von Gewaltverbrecher*innen, Vergewaltiger*innen und Dieb*innen sprechen. Gendergerechte Sprache ist für alle hilfreich und sollte nicht nur dazu verwendet werden, z.B. Frauen in Berufen aufzuzeigen, die klassischerweise von Männern dominiert werden. Gleichzeitig bietet sie auch ein geeignetes Instrument, um bei unterbewussten Pauschalisierungen einen sensibilisierenden Prozess anzustoßen
  • Setz dich erst einmal mit gendergerechter Sprache auseinander, bevor du sie „aus Prinzip“ ablehnst. Natürlich musst du dich mit deiner eigenen Sprache wohlfühlen. Trotzdem ist Sprache zur Kommunikation gedacht, weshalb wir ihr Wirken auf andere in unsere Wortwahl miteinbeziehen sollten. Wenn du dich als cis Frau[ix] mitgenannt fühlst, wenn es um „die Sachbearbeiter“ geht ist das schön für dich – du kannst von dir aber nicht unbedingt auf andere schließen und solltest trotzdem darüber reflektieren, wie du anderen begegnen möchtest.

 

Die Autorin verwendet übrigens am liebsten das Gender Sternchen. Das ist – genau wie die im Artikel genannten Argumente und Ausführungen – nicht unbedingt repräsentativ für den ganzen Fachschaftsrat.


[i] https://www.uni-goettingen.de/de/123377.html [abgerufen am 23.01.2017]
Die Antwort lautet: Der Chirurg ist die Mutter des Kindes, also eigentlich die Chirurgin.
Die Verwirrung bei der Rätselfrage ist übrigens nicht unbedingt der Sprache zuzuordnen, sondern kann auch darauf zurückzuführen sein, dass viele innerhalb sehr festgefahrener und konservativer Familienbegriffe denken. Schließlich könnte der Sohn auch von einem schwulen Paar (adoptiert worden) sein – die männliche Form wäre dann vielleicht richtig gewählt.
[ii] Wir wechseln beispielsweise nahtlos zwischen umgangssprachlichem Sprechen mit unseren Freund*innen und akademischer Sprachweise an der Universität. Ob es sinnvoll ist, bestimmte gesellschaftliche Bereiche mit einem gewissen Sprachgebrauch zu verbinden sei dahingestellt – gezeigt ist dadurch auf jeden Fall, dass wir durchaus in der Lage sind, uns innerhalb eines gewissen Sprach-Spektrums variabel zu zeigen.
[iii] Braun, Friederike; Oelkers, Susanne; Rogalski, Karin; Bosak, Janine; Sczesny, Sabine (2007). „Aus Gründen der Verständlichkeit…“: Der Einfluss generisch maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten. Psychologische Rundschau, 58, 183-189, gesehen auf psystudents.org [abgerufen am 23.01.2017]
[iv] Ich möchte hier trotzdem auf notwendige Sensibilität bezüglich hervorgerufener Ausschlüsse  hinweisen, die auch durch Sprache entstehen. Gemeint sind z.B. ausschließende Strukturen aufgrund von Bildungsungsbenachteiligung, Dis_Ability oder  Migration (Deutsch als Fremdsprache). Ich halte es für notwendig, diesbezüglich die eigene Position zu reflektieren. Im FSR beschäftigt uns die Thematik sehr und wir werden noch dazu bloggen, den Beitrag findet ihr dann an dieser Stelle verlinkt.
[v] Ich verwende das Pronomen „man“, da ich eine deutliche grammatische Unterscheidung zum Nomen „Mann“ sehe. Es gibt allerdings auch Alternativen, wie die Verwendung von „mensch“ (z.B.: „Ich weiß nicht, ob mensch wirklich auf das Pronomen „man“ verzichten sollte. Vielleicht kann mensch mir hier weiterhelfen?“
[vi] „Flüchtling“ ist ohnehin ein sehr problematisches Wort, da die Endung „-ing“ verniedlichend klingt und eine weibliche Form des Wortes nicht existiert. „Geflüchtete“ ist schon allein deshalb eine geeignetere Bezeichnung, weil sie die bezeichneten Menschen nicht in eine passive Rolle drängt. Weitere Hinweise zu neutralen Begriffen könnt ihr auf der Seite http://geschicktgendern.de finden.
[vii] Tatsächlich gibt es noch weit mehr Modelle als diese beiden, ich habe mich aber zunächst auf die geläufigsten Strategien bezogen
[viii] Für Personen, die sich weder mit dem Personalpronomen „er“ noch „sie“ identifizieren, gibt es Alternativen wie z.B. „xier“ oder „sie*er“. es ist übrigens keine gute Idee, Personen ungefragt „es“ zu nennen, da dies meist ent-personifizierend und beleidigend wirkt.
[ix] Cis = Personen, die sich mit dem nach der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren
Published inAllgemeinCampus ThemenNachdenken über Sprache

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