Zum Inhalt

Nachdenken über Sprache #1: Warum Homofeindlichkeit keine Krankheit ist

von Gender Studi

Inhaltshinweis: Auseinandersetzung mit diskriminierender, behindertenfeindlicher Sprache, psychischer Krankheit und LSBT-Feindlichkeit.

Angeblich soll Morgan Freeman gesagt haben: „I hate the word homophobia. It’s not a phobia. You are not scared. You are an asshole.“[1] Wir wissen es nicht genau, aber vermutlich hat Morgan Freeman das nie gesagt, auch wenn entsprechende Bilder viral gingen. Zumindest in meiner Bubble.

Ist etwas falsch am Wort „Homophobie“, außer der Einwand von Nicht-Mr.-Freeman, dass es unzutreffend sei? Ich denke, ja, und werde erklären, was mir daran nicht passt.
Der Begriff „Homophobie“ (oder auch „Transphobie“) hat den Beigeschmack einer psychischen Krankheit, genauer gesagt, einer Angststörung. Oft wird ein Begriff genommen und mit „-phobie“ kombiniert, weil Deutsche lange Wörter nun mal mögen. So kann eine phobische Störung näher benannt werden: eine Spinnenphobie, eine soziale Phobie, eine Agoraphobie usw. Diese Begriffe sind nicht nur unter therapeutischem Fachpersonal geläufig, sondern finden sich auch im alltäglichen Gebrauch.
Im Englischen, in dem, so schätze ich, der Begriff „homophobia“ schon länger verbreitet ist, ist diese Verknüpfung nicht so stark, da pathologische Ängste eher als „anxiety“ bezeichnet werden. Daher gelten Teile meiner Ausführungen für den deutschen Sprachraum. Dennoch würde ich auch davon absehen, die englischen Begriffe in Texten zu verwenden, die sich (auch) an ein deutschsprachiges Publikum wenden, da hier die Nähe zu psychischer Erkrankung gegeben ist.

Was ist schlimm an der Verknüpfung von „Homophobie“ und psychischer Erkrankung? Wie Morgan Freeman (vermutlich) nicht sagte, beschreibt „Homophobie“ keine Angst, sondern eine miese Einstellung. Daraus ergeben sich für mich zwei Kritikpunkte.

  1. Eine menschenverachtende Einstellung, eine Ideologie der Ungleichheit, der verschiedenen Wertigkeit von Personen auf eine psychische Erkrankung zurück zu führen, ist verharmlosend. Zu glauben, dass Schwule und Lesben, a-, bi-, pan- und polysexuelle Personen, trans und nicht binäre Leute weniger wert sind als heterosexuelle, cisidente[2] Menschen, ist tief verankert in einer heterosexistischen Gesellschaft wie der Unsrigen und kann nicht auf Devianz, auf diese kleine besondere Gruppe, die da ja auch irgendwie nichts für kann, weil die Leute halt eine Phobie haben, zurück geführt werden. Auch wenn Angst ein Faktor sein kann, ist es die Angst vor Verlust der eigenen Vorherrschaft und nicht eine Phobie im Sinne einer psychischen Erkrankung oder Devianz. Eine unterdrückerische Weltsicht kann, sollte, darf nicht auf eine individuelle Angst reduziert werden. Psychische Krankheiten und Behinderungen sind nicht schlimm – menschenverachtende Einstellungen schon.
  2. Eine feindselige Gesinnung gegenüber einer Gruppe, und eventuell daraus folgende Taten, die Angehörigen dieser Gruppe schaden, gedanklich in die Nähe einer psychischen Störung zu bringen, tut all den Menschen, die mit Phobien oder anderen psychischen Krankheiten leben, unrecht. Oft wird versucht, unsoziales, schädliches Verhalten mit psychischer Krankheit zu „erklären“. Wenn wer etwas wirklich, wirklich Übles tut, drücken manche ihre Abscheu aus durch: „Das ist doch krank!“ Die Lösung für Hate Speech meint so manche*r Facebook-Kommentator*in zu finden durch den Vorschlag: „Lass dich einweisen! Geh in die Klapse!“ Ich persönlich gönne den Menschen, die in einer Psychiatrie sind, keine Fieslinge in ihrer Umgebung, sondern hoffe eher, dass es ihnen bald besser geht – was wohl erschwert wird, wenn sie in dieser verletzlichen Situation noch irgendwelche Drecksäcke ertragen müssen. Aber das ist wohl ein anderes Thema.

Auf psychischer Erkrankung liegt ein Stigma, was auch dazu führt, dass Personen, die psychotherapeutische Unterstützung brauchen, diese nicht (rechtzeitig) suchen. Neben individuellem Leid verursacht dies auch gesamtgesellschaftlich Schäden. Daher finde ich es tragisch, dass durch Begriffe wie „Homophobie“ oder „Transphobie“, die die ungerechte Behandlung von Individuen und Gruppen sichtbar machen sollen, psychisch kranken oder behinderten Personen geschadet wird, da durch diese Wörter die Verknüpfung von psychisch krank oder abweichend und gefährlich wieder hergestellt wird. Dadurch produzieren diese Begriffe auch Ausschlüsse. Obwohl ich wusste, dass diese Wörter fallen würden, wollte ich vor ein paar Jahren nicht darauf verzichten, auf eine Fachtagung zu gehen, die sich gegen „Homo- und Transphobie“ aussprach. Meine Gedanken und Gefühle beschrieb ich kurz danach so:

„Eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist keine Phobie. Da ich weiß, dass sie es nicht so meinen, und da ich verstehe, dass diese Wörter ohne böse Hintergedanken verwendet werden, gehe ich hin. Nach sieben Stunden Vorträgen, Podiums- und Publikumsdiskussionen haben sich die vielen kleinen „homophob“s und „Transphobie“s, die sich jedes Mal wie ein leichtes Boxen in den Magen anfühlen und bei denen ich stets etwas zusammenzucke, angehäuft zu dem Gefühl, einen Tritt in den Bauch bekommen zu haben.“

Die Verwendung dieser Wörter geben mir das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Dass ich als der Feind imaginiert werde. Manchmal tut es mir körperlich weh, als verrückte[3] Person ertragen zu müssen, dass der Schaden, der mir als gender_queere Person zugefügt wird, mindestens durch Assoziationen auf psychische Erkrankungen zurückgeführt wird.
Daher plädiere ich dafür, andere Wörter zu benutzen. Auch wenn es erst ungewohnt und schwierig ist und es wirklich wenig coole Sticker gibt, mit denen du dich gegen Homo- oder Transfeindlichkeit aussprechen kannst, ohne den „-phobie“-Begriff zu verwenden[4], ist es das wert. Bis sich das durchgesetzt hat, finde ich es gut, darauf hinzuweisen, was an den Wörtern nicht okay ist. Ihr müsst nicht darauf verzichten, euren Freund*innen den Link zu einem wirklich gut durchdachten Blog-Eintrag zu schicken, nur, weil er leider das Wort „Transphobie“ enthält. Wenn ihr nett seid, schickt ihr einen Hinweis mit, dass er leider nicht ohne ableistische, sanistische oder mentalistische[5] Sprache auskommt, damit sich andere darauf einstellen können, was kommt, oder ihn halt nicht lesen, wenn sie das gerade nicht wollen. Auf Facebook begegnete mir vor einem Bild der Hinweis: „casual ableism“, also so etwas wie „alltäglicher Ableismus“, um darauf hinzuweisen, dass dort „Homophobie“ geschrieben steht. So, und nun noch die letzten konstruktiven Tipps und Alternativvorschläge, da ich Sprache ziemlich liebe <3
Homofeindlichkeit. Transfeindlichkeit. Heterosexismus. Cissexismus. Lesbenfeindlichkeit. Schwulenfeindlichkeit. Bi-Feindlichkeit. Gewalt gegen LSBT / Lesben / Schwule / Bisexuelle / trans Personen. Diskriminierung von LSBT / Lesben / Schwulen / Bisexuellen / trans Personen.

 

[1]„Ich hasse das Wort Homophobie. Es ist keine Phobie. Du bist nicht ängstlich, sondern ein Arschloch.“
[2]Cisident, cisgender oder kurz: cis, beschreibt, dass eine Person in dem Geschlecht lebt, in dem sie, gesellschaftlich gesehen, leben soll. Ein Beispiel: Ein Kind wird geboren. Die Ärztin schaut es an und verkündet: „Es ist ein Junge!“ Das Kind denkt sein ganzes Leben lang: „Ja, stimmt.“ Cis(ident/gender) ist das Gegenteil von trans(ident/gender).
[3]„verrückt“ habe ich bewusst als Selbstbezeichnung gewählt, um diesen Begriff zurückzuerobern und vom Stigma zu befreien. Nicht Betroffenen rate ich davon ab, es zu sagen, weil das Wort als Fremdbezeichnung oft beleidigend wirkt und verletzen kann.
[4]Auf meiner vollgestickerten Mappe kleben auch noch zwei, die den ungünstigen Begriff verwenden, und ich mag sie irgendwie immer noch, aber ich würde mir keine mehr kaufen oder gratis mitnehmen
[5]Ableismus wird oft für Behindertenfeindlichkeit verwendet. Sanismus oder Mentalismus sind weniger bekannte Wörter, die eine diskriminierende oder feindselige Handlung gegenüber psychisch kranken / behinderten Personen beschreiben. Für mich ist Ableismus der Überbegriff, weshalb er auch Sanismus und Mentalismus umfasst. Die anderen beiden beschreiben genauer, welche Art von Diskriminierung gemeint sind.

Der Text schildert die Erfahrungen und Gedanken einer*s lieber anonymen (weil Stigma!) Gender Studierenden und muss nicht die allgemeine Sichtweise der Fachschaft oder des Fachschaftsrates Gender Studies widerspiegeln. 

Published inAllgemeinNachdenken über Sprache

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.