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Grundbegriffe der Gender Studies #1

Von Kate und Jan

In einem anderen Beitrag auf unserem Blog hat Silvana ganz wunderbar Reaktionen auf die Aussage „ich studiere Gender Studies“ zusammengefasst und Antwortmöglichkeiten gegeben. An dieser Stelle möchten wir das uns häufig entgegengebrachte Halbwissen etwas entwirren, indem wir ein paar der immer wieder missverständlich benutzten Begriffe erläutern.

Gender
Der Begriff Gender beschreibt das sogenannte soziale Geschlecht, das als kulturell konstruiert gilt. Ein zentraler Aspekt, den der Begriff beinhaltet ist, dass die in der Gesellschaft vorherrschenden Vorstellungen von Geschlecht normativen Charakter haben. Diese Vorstellungen geben Handlungs- und Interpretationsmuster zur Aufteilung in Mann und Frau vor, die verinnerlicht und gegebenenfalls weitergetragen werden. Es wird so eine bewusste Abgrenzung vom biologischem Geschlecht (engl. Sex) vorgenommen.
Eine wichtige Persönlichkeit in der Entwicklung des Genderbegriffs ist Judith Butler. In ihren Werken hinterfragt sie nicht nur die Entwicklung und Einschränkungen durch das soziale Geschlecht, sondern fragt auch, wie wir das Sex, den biologischen Körper betrachten und kategorisieren. Butler geht davon aus, dass die als biologisch (natürlich) angesehenen Verhaltensweisen und die Kategorisierung in zwei Geschlechter ebenfalls gesellschaftliche Produkte sind, welches die gesellschaftliche Ordnung verfestigt. Demnach ist das biologische Geschlecht mit dem sozialen Geschlecht verschränkt. Die Trennung von Sex und Gender löst sich auf und Geschlecht kann nur noch als Gender betrachtet werden.

Gender Studies
Gender Studies ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, deren vorrangiges Ziel im Erkenntnisgewinn liegt. An der RUB sind die Gender Studies u.a. an den Fakultäten der Sozialwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Philologie angesiedelt. Es handelt sich um eine gesellschaftskritische Disziplin, die nicht nur die gesellschaftlichen Verhältnisse in Frage stellt, sondern auch sich selbst immer wieder kritisch reflektiert und weiterentwickelt. Im Allgemeinen setzen sich die Gender Studies mit Macht und Ungleichheit auf individueller und gesellschaftlicher Ebene auseinander. Der namensgebende Begriff Gender (s. o.) ist hierbei die Schlüsselkategorie, aber nicht die einzige. Weitere Kategorien sind Ethnie und soziale Klasse bzw. das soziale Milieu. Im Englischen werden die Begriffe Race und Class benutzt, welche sich jedoch nicht direkt ins Deutsche übersetzen lassen. Um Diskurse aus dem englischsprachigen Raum im Deutschen aufgreifen zu können ohne die Inhalte zu verwischen, wird häufig mit den englischen Begriffen gearbeitet. Obwohl sich die Gender Studies aus der Frauenforschung entwickelt haben, handelt es sich nicht um eine Wissenschaft von Frauen für Frauen. Männlichkeitsforschung ist ein fester Bestandteil der Gender Studies und wird von allen Geschlechtern betrieben. Sowohl an der RUB, als auch an anderen Universitäten gibt es vermehrt Projekte und Kooperationen, wie SecHuman[i], in welchen die Gender Studies mit weiteren Disziplinen zusammenarbeiten.

Gleichstellungspolitik
Diese Begrifflichkeit bezieht sich auf Maßnahmen, die auf die juristische und strukturelle Gleichstellung der Geschlechter abzielen. Mit Hinblick auf die immer wiederkehrende Diskussion um den zukünftigen Mangel an Fachkräften in der Wirtschaft ist es aus unserer Sicht fahrlässig, Gleichstellungspolitik als Unsinn abzutun. Sie kann im Gegenteil zu einer Lösung beitragen. Institutionen, die sich an der RUB für Gleichstellungspolitik einsetzen, sind neben den Gleichstellungsbeauftragten das Autonome Frauen*Lesben-Referat, das autonome Schwulen-Referat, das autonome AusländerInnen-Referat, aber auch die Fachschaftsräte. All diese Institutionen sind nach § 2 der Satzung der Studierendenschaft[ii] dazu verpflichtet, die Interessen der Studierendenschaft zu wahren.

Gender-Mainstreaming
Gender-Mainstreaming „ist ein politisches Programm und Instrument, das auf die Gleichstellung der Geschlechter zielt. Grundgedanke ist, dass die (möglichen) Auswirkungen aller politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entscheidungen auf die unterschiedlichen, geschlechtsspezifischen Lebensbedingungen zu berücksichtigen sind. Ziel ist somit nicht nur die statistische Gleichstellung, sondern v. a. die Anerkennung der unterschiedlichen Interessen und Lebenssituationen von – im Sprachlaut der meisten Programme – Frauen und Männern.“[iii] Die gendergerechte Sprache ist ein Instrument, um alle Personen gleichberechtigt anzusprechen. Weil es am sichtbarsten in den Alltag des/der Einzelnen eingreift, wird es schnell in den Fokus der Diskussion gerückt.

Gender-Aktivismus
Als Aktivismus wird das Bestreben bezeichnet, politische und/oder gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Zum Gender-Aktivismus zählen Frauenbewegungen als auch LGBTQI*-Bewegungen. Diese Gruppen verfolgen teils unterschiedliche Ziele, ihnen ist aber gemeinsam, dass sie Gender als soziales Konstrukt ansehen und für die Rechte ihrer Interessengruppe einstehen.

Feminismus
kann als politische Bewegung und als persönliche Einstellung definiert werden. Feminismus fordert die Gleichstellung aller Personen einer Gesellschaft. Menschen, die sich als Feminist*innen bezeichnen, unterstützen dieses Ziel. Dennoch kann nicht von dem einen Feminismus gesprochen werden, da er sich nach persönlichen Lebensumständen und Überzeugungen ausdifferenziert.
Feminismus als politische Bewegung wird in drei Wellen eingeteilt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre ist die erste Welle angesiedelt. Die zentralen Themen waren das Frauenwahlrecht und der Zugang zu Bildung für Frauen. Die zweite Welle vollzog sich in den 70er Jahren und beschäftigte sich mit den Themen häuslicher Gewalt (Vergewaltigung in der Ehe), Abtreibung (Mein Körper gehört mir!) und dem Zugang zu Arbeit (bis 1977 mussten Frauen zum Beispiel ihren Mann oder Vater um Erlaubnis fragen, um arbeiten zu dürfen). Eine der in Deutschland wohl bekanntesten Feministinnen der zweiten Welle ist Alice Schwarzer. In ihren medialen Auftritten spricht sie nicht für alle Feminist*innen, wie Silvana in ihrem Beitrag bereits ausgeführt hat.  Derzeit befinden wir uns in der dritten Welle des Feminismus, die basierend auf den Errungenschaften der vorangegangen Bewegungen neue Schwerpunkte und Ausdrucksmöglichkeiten findet. Dabei findet auch eine Ausdifferenzierung statt, die den sogenannten weißen Mittelschichtfeminismus kritisiert und Bewegungen wie die Riot Grrrl Bewegung, Femen und den Black Feminism hervorgebracht hat.

 

[i]„SecHuman ist ein innovatives Graduiertenkolleg, das sich der inter- und transdisziplinärend Aufarbeitung des Phänomens „Sicherheit für Menschen im Cyberspace“ verschrieben hat.“ http://www.sechuman.rub.de/index.html.de (zuletzt aufgerufen 26.11.16)
[ii]§ 2 Grundsätze: Die Studierendenschaft an der Ruhr-Universität Bochum tritt für die Freiheit der Forschung, der Lehre und des Studiums ein. Sie tritt für Gleichstellung und gegen Diskriminierung ein; insbesondere darf niemand wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Staatsangehörigkeit, seiner Heimat und Herkunft, seiner Sprache und Kommunikationsform, seiner sexuellen Identität, seiner Behinderung oder chronischen Erkrankung, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen oder seiner sozialen Situation benachteiligt werden (http://www.uv.ruhr-uni-bochum.de/dezernat1/amtliche/ab554.pdf, zuletzt aufgerufen 26.11.16)
[iii]http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/17522/gender-mainstreaming

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