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Gender Studies: DAS Thema auf Partys

von Silvana

„Und was machst du so?“ – Diese eigentlich harmlose Frage sorgt in meinem Falle eigentlich immer für längere Diskussionen. Denn ich mache keine Ausbildung zur Bürokauffrau oder  Verwaltungsfachangestellten. Ich studiere nicht BWL, Jura, Medizin oder Irgendetwas auf Lehramt, sondern Gender Studies. Eine Disziplin, die häufig erst einmal übersetzt werden muss und auch durch die nachgeschobene Erklärung („…also Geschlechterforschung“) für viele nicht wirklich verständlicher wird. Hat man sich einmal mutig dafür entschieden, nicht mit einer vagen Erklärung à la „Ich mache etwas Sozialwissenschaftliches“ auszuweichen, steckt man oft schon mitten in der Diskussion.
Informatik oder Biologie scheinen Fächer zu sein, unter denen sich viele etwas vorstellen können oder zu denen zumindest nicht viele Anschlussfragen bestehen. Zum Thema Gender Studies hat allerdings fast jede*r eine Anekdote oder eine „Fachfrage“ parat – hier nur einige Beispiele:

Reaktionen Gender Studies

Dies sind in der Regel die ersten Reaktionen, die ich bei der Nennung meines Studienganges zu hören bekomme. Klar, das kann nervig sein. Aber es sichert Gesprächsthemen und als eine Person, die ihr Studienfach liebt ist es für mich kein Problem, es auch anderen etwas näherzubringen. Also, let’s go!

„Watt n datt?“
Eine gute Frage! Gender Studies – das ist ein vielseitiger Studiengang, der sich aus sozialwissenschaftlicher, soziologischer, juristischer, historischer, medienwissenschaftlicher, literaturwissenschaftlicher, kunstgeschichtlicher, theologischer, philosophischer (… to be continued) Perspektive mit sozialen Ungleichheitskategorien und gesamtgesellschaftlichen (Konstruktions-)Prozessen auseinandersetzt. Dabei geht es natürlich um das Thema Gender, aber auch immer mehr um intersektionale[i] Ansätze, die danach fragen, WER eigentlich mit Aussagen über WEN WELCHES Wissen produziert.
Wo treffen sich Achsen sozialer Ungleichheiten (zum Beispiel Behinderung, sexuelle Orientierung, Gender, Alter, Ethnizität, sozialer Status) und wie verändern sie sich gegenseitig?
Gibt es überhaupt so etwas wie „natürliche“ Geschlechter?
Warum brauchen wir Gleichstellungspolitik und wo sind ihre Grenzen?
Wie bedingen mediale Darstellungsformen und unser Denken über Geschlecht sich gegenseitig?
Dies sind nur einige der Fragen, die im Rahmen der Gender Studies behandelt werden. Besonders hervorzuheben wäre noch die Herrschafts- und Wissenschaftskritik, die uns bei unseren Projekten eigentlich stetig begleitet und aus unserem Studiengang eben keine blinde Ideologie, sondern eine reflektierte und interdisziplinär arbeitende Forschungsrichtung macht!

„Ich wusste gar nicht, dass man das studieren kann.“
Wieder was gelernt!
Gender Studies kannst du in Deutschland nicht nur in Bochum, sondern beispielsweise auch in Bielefeld, Berlin oder Oldenburg studieren. Es gibt aber auch immer mehr andere Studiengänge, die einen besonderen Fokus auf Gender-Thematiken oder Diversity[ii] legen.

„… Alice Schwarzer?“
„Der“ Feminismus (mehr dazu weiter unten) und Alice Schwarzer scheinen in deutschen Debatten irgendwie zu einer Einheit verschmolzen zu sein. Und ja: Alice Schwarzer bezeichnet sich offen als Feministin und hat gerade die Frauenbewegung der 1970er Jahre und die Abtreibungsdebatte sehr stark geprägt und vorangetrieben. Aber auch das wird im Rahmen der Gender Studies äußerst differenziert und kontrovers diskutiert und erforscht und genau hier zeigt sich, warum es den einen Feminismus eben nicht geben kann und Frauen- und Geschlechterforschung oftmals vielfältiger nicht sein könnte.
Ich kann hier nur meine persönliche Meinung präsentieren: Alice Schwarzer bezeichnet sich als Feministin und ich mich auch. Trotzdem distanziere ich mich in aller Entschiedenheit von Schwarzers Aussagen und Thesen, die meiner Meinung nach viele rassistische und gefährlich pauschalisierende Tendenzen beinhalten, mit denen ich unter gar keinen Umständen in Verbindung gebracht werden möchte und die ich zutiefst ablehne.
Fest steht:

  • Mein Feminismus ist nicht der von Alice Schwarzer
  • Gender Studies sind nicht gleichzusetzen mit Feminismus
    UND:
  • Alice Schwarzer und die Gender Studies sind keine Synonyme!

„Sowas mit Gleichberechtigung und so?“
Jo, Gleichberechtigung ist ne ganz coole Sache. Bist du anderer Meinung?
In den Gender Studies befassen wir uns u.a. auch damit, was Gleichberechtigung bedeutet und was sie nicht bedeutet. Es geht darum, wie das Rechtssystem diese Gleichberechtigung herstellen kann und wo es ihm einfach noch nicht so recht gelingen mag.

„Was hältst du denn von der Frauenquote?“
Auch wieder so ein Thema, zu dem wenige ein ausreichendes Hintergrundwissen haben aber fast alle eine Meinung.
In Kürze: Obwohl ich mir der Probleme einer solchen Quotenregelung durchaus bewusst bin, halte ich sie zum jetzigen Zeitpunkt für in jedem Falle notwendig! Das gesellschaftliche (Un-)Bewusstsein macht es derweil noch unmöglich, ohne Regelungen dieser Art auszukommen. Leider!

„… Ideologie, Untergang des Abendlandes!“
Mit konstruktiven Anmerkungen kann ich etwas anfangen. Mit bedeutungsleeren Wiederholungen von Schlagzeilen aus antifeministischen Foren weniger… Was willst du mir sagen?

„Was willst du damit später mal machen?“
Ein Dauerbrenner. Nicht nur beim Fach Gender Studies, sondern bei nahezu jeder geisteswissenschaftlichen Spezialisierung, die auf keinen eindeutig definierten Beruf zu passen scheint.
Absolvent*innen der Gender Studies werden zum Beispiel Gleichstellungsbeauftragte, Lektor*innen, Journalist*innen, Forscher*innen, Reporter*innen, Künstler*innen oder Politiker*innen. Dabei sind die Einsatzgebiete genauso interdisziplinär und vielfältig wie der Studiengang selbst. Studierende der Gender Studies mischen später in medialen und kulturellen Bereichen mit, verfassen Texte, produzieren Musik und Filme, nehmen beratende und unterstützende Positionen in sozialen Bereichen und Politik ein. Sie können in Unternehmen Diversity Management betreiben oder sich in die universitäre Forschung stürzen. Oder etwas ganz Anderes – wir finden schon ein geeignetes Plätzchen!

„Gibt es bei euch im Studiengang eigentlich auch Männer?“
Yes.

*schallendes Gelächter*
Es freut mich, dass ich deine Stimmung erhellt habe. Wenn du mir noch etwas zu sagen hast: Raus damit!

„Männer werden auch diskriminiert!“
Diese Frage geht mal an dich: Wen meinst du eigentlich mit „Männern“?
Das ist so ein Thema, über das ich mit dir lieber in einem ruhigen Rahmen und mit einer Tasse Tee/ Kaffee diskutieren will.
Klar ist: Patriarchale und ausgrenzende Strukturen sind für alle schädlich. „Männer“ sind häufig, aber nicht immer Nutznießer des Patriarchats. Binäre geschlechtliche Strukturen sind aber nicht nur für Frauen* und queere Menschen ein Problem, sondern auch für bestimmte Männlichkeiten (im Plural, ganz richtig!). Eine klare Zweiteilung der Menschheit in heterogeschlechtliche Kategorien ist in keinem Falle hilfreich, denn es ist weitaus komplizierter: Eine Frau ist eben nicht nur eine Frau, ist eine Frau, ist eine Frau und ein Mann ist nicht nur Mann, ist ein Mann, ist ein Mann…
Zu sprechen ist sowohl von DiskriminierungEN, als auch von MännlichkeitEN.

„Ich bin da ja nicht so für…“
Bitte präzisiere „da“! Ich weiß sonst nicht, was du meinst.

„Aha. Klingt interessant!“
Ja, das ist es auch! Ich freue mich immer über ehrliches Interesse und erzähle gerne mehr!

„Hat das was mit Feminismus zu tun?“
Zunächst einmal sprechen wir in den Gender Studies selten über „den“ Feminismus, sondern eher über Feminismen im Plural. Und ja: Sicherlich gibt es Überschneidungen zwischen feministischen Bewegungen und Gedanken und dem, was wir so tun. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Gender Studies als Disziplin aus der so genannten Frauenforschung hervorgegangen sind, welche wiederum das akademische Pendant bzw. die akademische Disziplin zur feministischen Bewegung darstellt(e).
Am Ende des Tages ist Feminismus auch nur ein Wort und wer dieses Wort auf welche Weise für sich beanspruchen möchte oder auch nicht – das muss er*sie selbst entscheiden.

„Aha. Also Sexualkunde?“
Ähm… nein!

„Was hältst du von gendergerechter Sprache?“
Ich halte sie für gut und wichtig. Ich nutze am liebsten Gap (_) oder Sternchen (*), um nicht in einem zweigeschlechtlichen Rahmen zu verharren. Trans*Personen und andere queere Identitäten werden so mitgedacht. Sprache ist mächtig, das sollten wir nie vergessen!

„Oh, dann kannst du mir bestimmt weiterhelfen: Mein*e Freund*in verhält sich momentan so…“
Mööp! Ich studiere Gender Studies und bin keine Beziehungstherapeutin.

Ja, manchmal ist es nervig, aufwändig und anstrengend, auf typische Stereotype zu reagieren und allen zu erklären, was ich in meinem Studium eigentlich so tue und was sich hinter diesen Gender Studies eigentlich so verbirgt. Aber am Ende des Tages bin ich dann doch froh und dankbar, dass ich genau das studiere was ich studiere. Und ich bin froh, darüber reden zu dürfen. Froh, auf reges Interesse zu stoßen und froh, durch meine Erläuterungen ab und zu auch etwas in den Köpfen anderer zu bewegen. Ich freue mich beispielsweise immer diebisch, wenn ich manche meiner Freund*innen plötzlich bei dem Versuch „erwische“, sich gendergerecht auszudrücken. Ich finde es toll, dass meine Eltern mich auf Artikel zu genderrelevanten Themen hinweisen und Menschen mich nach meiner Einschätzung bezüglich bestimmter „Genderthemen“ fragen. Das zeigt, dass Neugierde und Interesse vorhanden sind und das ist doch ein Anfang. Über wichtige gesellschaftliche Themen müssen wir reden. Wir müssen reden, verstehen, uns klar über manches werden. Und dann gemeinsam handeln – so muss das sein!

 

[1] Intersektionalität ist vom englischen Begriff intersection (=Straßenkreuzung) abgeleitet und beschreibt die Überschneidungen verschiedener Ungleichheitskategorien (z.B. Geschlecht, Behinderung und Ethnizität)
[11] Konzepte rund um Diversity gehen davon aus, dass eine Gesellschaft durch Unterschiede ausgezeichnet wird und das auch gut so ist. Wirtschaftlich wird zudem mit diesen Differenzen „spekuliert“, da von der Annahme ausgegangen wird, dass Individuen mit unterschiedlichen Fähigkeiten gemeinsam am besten „funktionieren“. In Firmen wird deshalb immer häufiger vom Diversity Management gesprochen, wenn gezielt versucht wird, eine heterogene (möglichst unterschiedliche und vielfältige) Belegschaft zusammenzustellen.

Die im Text formulierten Meinungen sind genau das: Meinungen. Sie entsprechen lediglich den Gedanken der Autorin und sind nicht repräsentativ für alle Studierenden der Gender Studies.

Noch Fragen, Anregungen oder Kritik? Kommentiere gerne diesen Beitrag oder schreib uns eine Mail (fsrgs@rub.de) oder eine Nachricht auf Facebook!

                                                                                                                                                                                    

Published inAllgemeinCampus Themen

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