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Dezembertipps #Silvana

 Dezembertipps

Eine gebrochene Frau (Simone de Beauvoir, 1967)

„Le Deuxième Sexe“ (Das andere Geschlecht) ist sicherlich eines der einflussreichsten Werke Simone de Beauvoirs, besonders aus Perspektive der Frauenforschung, für die das Buch lange Zeit wie eine Bibel wirkte und teilweise immer noch wirkt. Häufig wird aber vergessen, dass der 900-seitige Wälzer lediglich einen kleinen Bruchteil des gesamten Werkes Beauvoirs darstellt, zu dem noch eine ganze Reihe anderer Veröffentlichungen literarischer und philosophischer Natur zählen.
Einen schönen Einstieg in die Erzählweise der Philosophin bekommt man durch den schmalen Erzählband „Eine gebrochene Frau“, in dem Simone de Beauvoir in drei voneinander unabhängigen Geschichten Einblicke in das Leben von Frauen ermöglicht, die sich allesamt an Wendepunkten ihres Lebens befinden.
Die Novelle „Das Alter der Vernunft“ setzt sich mit der Gedankenwelt einer alternden linken Intellektuellen auseinander, die sich durch die Zuwendung des eigenen Sohnes zum bürgerlichen Milieu verraten fühlt und aufgrund altersbedingter Veränderungen in ihrem Leben zunehmend verbittert.
Die Erzählung „Monolog“ zeigt das Innenleben einer ebenfalls vom Leben gezeichneten Frau, die über ihre gescheiterte Ehe, die schlechte Beziehung zu ihrem Sohn und den Selbstmord ihrer Tochter sinniert und sich dabei immer tiefer in ihrem eigenen Schmerz verfängt.
Die Titelgeschichte „Eine gebrochene Frau“ schließlich ist in Tagebuchform verfasst – die 44-jährige Monique dokumentiert über den Zeitraum eines halben Jahres hinweg die Affäre ihres Mannes und das damit parallel verlaufende Auseinanderfallen der eigenen Ehe, das sie sich lange nicht eingestehen möchte.

Zugegeben: Thematisch klingen diese sehr bedrückenden Geschichten zunächst einmal nicht nach einer willkommenen Lektüre für ein paar gemütliche Winterstunden. Sie zeigen aber meiner Meinung nach sehr eindrücklich Beauvoirs Stärke, durch gefühlvolle und feinfühlige Schilderungen – die dabei nicht wertend sind -, die Leser*innen in ihren Bann zu ziehen, sie mit den Protagonistinnen mitempfinden zu lassen und eine spezifische Perspektive glaubwürdig einzunehmen. Die Erzählungen reißen direkt mit und bewegen nachwirkend – mein Tipp für alle, die Simone de Beauvoir besser verstehen wollen und sich dem Erfassen ihres schriftstellerischen Gesamtwerkes annähern wollen.

Rohwolt Taschenbuch Verlag, ISBN: 978-3499114892

Was ist dein Streik? (Precarias a la Deriva, 2011)

Vielleicht besteht das Paradox unserer Zeit genau darin, dass sich die Bienen, nachdem sie zum Schwarm geworden waren, aufs Neue zerstreuen.[i]

Unter der Leitfrage „Was ist dein Streik?“ befasst sich das Kollektiv Precarias a la Deriva, das im Kontext des Generalstreiks in Spanien zusammengefunden hat, mit dem Begriff der Prekarität. Dieser wird weiter als die Prekarität der Existenz skizziert und umfasst Elemente wie die Feminisierung der Arbeit und andere Phänomene, die u.a. in der Folge eines unhinterfragt gelebten Geschlechtervertrages reproduziert werden. Die Problematisierung einer Ungleichbewertung von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit und die Anforderungen einer neoliberalen Leistungsgesellschaft bilden Ursachen eines Prozesses, dem das dezidiert heterogene Autorinnenkollektiv durch die Sorgegemeinschaft und einem damit verbundenen Sorgestreik entgegenzutreten gedenkt.

Wer an die Lektüre Butlers anknüpfen möchte und sich für neue Widerstandsformen interessiert, die durch Ambivalenzen und Situiertheiten gedeihen, ist mit diesem lebendigen Manifest gut bedient.

transversal texts, ISBN: 978-3950176261

A Girl Walks Home Alone at Night (2014)

In der postapokalyptischen iranischen Stadt mit dem bezeichnenden Namen Bad City lebt Arash mit seinem stark drogenabhängigen Vater. Armut und Kriminalität prägen das Leben in Bad City und Arash muss sich immer wieder mit dem Drogendealer seines Vaters herumärgern. Das hat jedoch ein plötzliches Ende, als eine mysteriöse Frau, die im Tschador auftritt, diesen tötet und sein Blut trinkt.
Die Vampirin wird wieder zuschlagen doch sie handelt nicht willkürlich. Und sie verliebt sich in Arash; eine Romanze, die zum Scheitern verurteilt zu sein scheint.

Die Regisseurin Ana Lily sorgt mit ihrem als Middle Eastern feminist vampire romance gehandelten Film für eine herrliche Umkehrung vieler Klischees, die den klassischen Vampirfilmen anhaften; eine geheimnisvolle Unbekannte auf einem Skateboard stellt durch ihre Handlungen geschlechtlich-heteronormative Muster in Frage und zeigt Solidarität mit Frauen, indem sie kurzen Prozess mit denjenigen macht, die ihnen Gewalt antun.

 

[i] Precarias a la Deriva: Was ist dein Streik? Militante Streifzüge durch die Kreisläufe der Prekarität. Wien/ Linz 2014. S. 51

Published inAllgemeinDezembertippsFeministische Buch- und Filmempfehlungen

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