Zum Inhalt

Dezembertipps #Silvana

Als Liebhaberin von Listen und Plänen jeder Art habe ich in diesem Jahr damit begonnen, in meinem Kalender Bücher aufzulisten, die ich 2017 gelesen habe. Das eher ernüchternde Resultat: Ich kann nun schmerzhaft genau nachvollziehen, wie wenig ich eigentlich zum privaten Lesen komme. Die positive Konsequenz ist jedoch, dass ich nun ganz genau weiß, welche Bücher mich in diesem Jahr beschäftigt haben und welches unter ihnen meine Favoritin ist. Hier ist es; mein Lieblingsbuch 2017!

02photo_2017-12-10_00-42-26_Silvana „Wege zum Nein. Emanzipative Sexualitäten und queer-feministische Visionen“, so der etwas sperrige Titel, dessen Unter-Untertitel (so würde ich es nennen) jedoch schon recht treffend eingrenzt, womit wir es hier eigentlich zu tun haben: „Beiträge für eine radikale Debatte nach der Sexualstrafrechtsreform in Deutschland 2016“.

Die beiden Herausgeberinnen Sina Holst und Johanna Montanari, die 2015 das so genannte Irksome Institute gegründet haben, und die vielen Autor*innen haben mit diesem umfassenden queerfeministischen Werk interdisziplinäre, aktivistische, philosophische und künstlerische Auseinandersetzungen rund um die vieldiskutierte Änderung des deutschen Sexualstrafrechts 2016 miteinander verbunden. Und genau diese bunte Gedankenmischung ist es in meinen Augen, die dieses Buch so bemerkenswert und einzigartig macht.

Die Beiträge sind bewusst nicht zur chronologischen Lektüre gedacht, jedes Kapitel ist für sich abgeschlossen und jedem Beitrag sollte ausreichend Zeit gegeben werden. Es geht um konkrete gesellschaftliche Geschehnisse und Debatten, wie beispielsweise die Silversternacht in Köln 2015/16 und die darauf folgenden, von Rassismus geprägten Diskussionen über Sicherheit und Schutz vor sexualisierter Gewalt. Thematisiert werden aber auch Konsenskultur und alternative Formen einvernehmlicher, erfüllender Sexualität. Es geht um Grenzüberschreitungen in der Sexualassistenz und um die Bedeutung von Einvernehmlichkeit beim queer BDSM. Bei fast allen Beiträgen wird die Frage nach der Relevanz eines „Nein“ aufgegriffen und es entsteht die neue Frage danach, ob persönliche Grenzen denn zwangsläufig durch Negation definiert werden müssen, oder vielleicht auch durch ein „Ja“ gezogen werden können – Wäre das sag- und denkbar?

Nicht nur die Herangehensweisen, sondern auch die Formen der einzelnen Beiträge sind vollkommen unterschiedlich. Von Diskursanalysen, über poetische Gedankenäußerungen, persönliche Erfahrungsberichte und fiktive Gespräche, bis hin zu einem Baukasten mit einzelnen Bestandteilen von Konsenskultur ist alles dabei. Einige der Texte regen zum Nachdenken über aktivistische Widerstandsformen an oder üben Sprachkritik, andere geben, wie der Abschnitt „Anzeigen oder nicht?“, ganz praktische juristische Hinweise mit auf den Weg und bieten so eine große Hilfestellung für Betroffene sexualisierter Gewalt, die sich über die nächsten möglichen Schritte und das ihnen Bevorstehende informieren möchten.

Zwei Beiträge sind mir besonders stark in Erinnerung geblieben. Zum einen ist das Johanna Montanaris Text „Kein Käfig, keine Grenze“, in dem sie die Politik der Beziehungen und der Präzision vorstellt und mit lebhaften Ausführungen (es liest sich wie ‚laut gedacht’) erläutert, warum Konsens für sie kein einschränkendes, sondern ein erweiterndes und bereicherndes Moment ist.

Zum anderen ist das der Text „Fragile Frauen“ von Teresa Mallt, in dem sehr detailliert aufgebröselt wird, wie Betroffene sexualisierter Gewalt gesellschaftlich legitimiert und delegitimiert werden, was als ‚authentisch’ und glaubwürdig anerkannt wird, und was nicht – der Beitrag thematisiert die patriarchal-konstruierte Vorstellung (weiblicher) Fragilität und endet mit einem Plädoyer, Betroffene sexualisierter Gewalt als die heterogene Gruppe anzuerkennen, die sie ist und sich untereinander solidarisch zu verhalten.

In der Einleitung laden die Herausgeber*innen dazu ein, das „eigene […] Denken ernst zu nehmen“ und „mit diesem Buch zu machen, was Du willst“. Dem kann ich mich nur anschließen; jede*r wird in diesem Buch eigene Anknüpfungspunkte und Denkanstöße finden.

Ich lege euch dieses Buch sehr ans Herz; es ist eine wirklich lohnende und abwechslungsreiche Lektüre zu einem Thema, das uns alle betrifft!

 

„Wege zum Nein“ erschien im Juli 2017 in der Edition Assemblage. ISBN: 978-3-96042-015-6

Published inDezembertippsFeministische Buch- und Filmempfehlungen

Ein Kommentar

  1. Kann ich nur bestätigen. Bin auch vom Buch voll begeistert. Sogar so begeistert, dass ich 10 Exemplare gekauft habe, um in der Familie und an gute Freunde zu unterschiedlichen Anlässen zu verschenken. Das Buch hat mein Leben auf den Kopf gestellt und das möchte ich auch bei den „Beschenkten“ erreichen. Es hat mein „Ich“ gestärkt und in schwierigen Situationen gerate ich nicht in Panik!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.